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Preisträger : Fritz Pleitgen

 

 

Laudatio Dr. Werner Müller

Laudatio zur Preisverleihung an Fritz Pleitgen am 10. Mai 2005

Dr. Werner Müller war von 1998 bis 2002 Bundesminister für Wirtschaft und Technologie. Er ist u.a. Vorsitzender der RAG Aktiengesellschaft.

Ich bin gebeten worden, mit dieser Laudatio Fritz Pleitgen zu ehren, den Empfänger der „Médaille Charlemagne pour des Médias Européens“. Dieser Bitte komme ich sehr gerne und ohne Zögern nach. Denn diese Anerkennung für Fritz Pleitgen ausdrücken zu dürfen, bedeutet für mich eine große Ehre.

Sie werden mir sicher gerne zustimmen, Herr Oberbürgermeister, wenn ich Aachen als eine Stadt der Sieger empfinde. Ob der in der vergangenen Woche verliehene Karlspreis oder der Orden wider den tierischen Ernst, ob der Aachener Friedenspreis oder der Euregio Umweltpreis, ob der Innovationspreis Kunst oder der IMC-UNESCO Musikpreis, der traditionsreichen Kaiserstadt ist es offensichtlich ein Anliegen, in ihren Mauern verdiente Politiker, Künstler oder andere Repräsentanten für das von ihnen Geleistete zu würdigen. Heute gilt es, einen Mann der Medien zu ehren, der sich in den zurückliegenden Jahrzehnten seines Wirkens um Europa verdient gemacht hat. Einen Journalisten, der sich in den von ihm verantworteten Fernseh- und Hörfunkprogrammen für vielfältige europäische Formate eingesetzt hat.

Wir haben die Begründung für die Entscheidung der Jury bereits von Professor Groebel gehört. Mehr als 50 Jahre journalistische Arbeit liegen bereits hinter Fritz Pleitgen. Hohe Kompetenz, klare journalistische Standpunkte und eine schnörkellose Berichterstattung sind mit seinem Namen verbunden. Ich übertreibe sicher nicht, wenn ich feststelle, dass Fritz Pleitgen mit seinem journalistischen Wirken ein Stück Mediengeschichte mitgeschrieben und mitgestaltet hat. Sein beruflicher Werdegang ist nicht anders als er selbst, nämlich etwas Besonderes. Der Mann, der heute ganz oben ist, kam von ganz unten, von der „Pike“, wie er es nennt. Seine ersten großen Auftritte hatte er als engagierter Fußballer beim FC Bünde. Ob Torwart oder Linksaußen, keine Position war ihm fremd. Wer besser als er selbst hätte die Leistungen des jungen Fritz Pleitgen einzuordnen gewusst? Deshalb schrieb er im Alter von 14 Jahren, natürlich unter Pseudonym, selbst über seine genialen Spielzüge und seine sicherlich stets als „Tor des Monats“ verdächtigen Treffer in der Lokalausgabe Bünde der Bielefelder Freien Presse.

Je mehr es wirtschaftlich und journalistisch bergauf ging, umso distanzierter wurde sein Verhältnis zur Schule. So kam es, dass das fünfte Kind einer bürgerlichen Familie zwei Jahre vor dem Abitur der Schule den Rücken kehrte, verständlicherweise zum Entsetzen seiner Eltern, deren Leben ohnehin kein leichtes war. Sicherlich, die Schule war heilfroh über den Fortgang dieses Pennälers. Allerdings kann sich Fritz Pleitgen noch an die Worte seines Pfarrers und Religionslehrers erinnern, der ihm damals sagte:„Wer weiß, wofür es gut ist!“ Er sollte Recht behalten. Und noch eins: Fritz Pleitgen und seine Schule sind mittlerweile wieder Freunde. So war er auch eingeladen, zum 100. Geburtstag der Schule zu sprechen. Der Entschluss des jungen Fritz hatte für ihn auch den Vorteil, dass er sehr früh mit seiner Berufsausbildung starten konnte. So war er nach seinem Volontariat mit Anfang 20 ein ziemlich ausgereifter Journalist, ehe er mit 24 Jahren zum Westdeutschen Rundfunk wechselte. Als Reporter in der Tagesschau-Redaktion spezialisierte Fritz Pleitgen sich auf Kriege, Krisen, Katastrophen, flog in Frachträumen der amerikanischen, englischen oder deutschen Luftwaffe in bedrohte Regionen und sammelte dort viele Erfahrungen, die ihm nach eigener Aussage später außerordentlich geholfen haben. So berichtete er 1964 aus dem Zypern-Krieg, 1967 aus dem Sechs- Tage-Krieg in Nahost.

Im Jahre 1970 wartete die bis dahin größte Herausforderung auf Fritz Pleitgen: Frisch verheiratet und gerade erst Vater geworden, wechselte die Familie nach Moskau, der Aufbau eines Korrespondentenplatzes der ARD erwartete ihn. Mit Pressezensur und harten Lebensbedingungen war die ehemalige Sowjetunion mitten im Kalten Krieg nicht gerade ein Paradies für westliche Berichterstatter. Sie, lieber Herr Pleitgen, taten sich schwer. Ihr damaliger Fernsehdirektor Peter Scholl-Latour riet Ihnen wiederholt, die Nerven zu behalten. Sie dachten dagegen wiederholt daran, mit einem negativen Bericht Ihren Rauswurf aus der Sowjetunion zu provozieren. Aber dazu gab es offensichtlich keine Chance, weil sie nur dann ein Kamerateam zur Verfügung gestellt bekamen, wenn Sie zum Beispiel über den Moskauer Staatszirkus berichten wollten, ich meine den mit den Tieren in der Arena ...

Die Situation änderte sich nach einem spontanen Interview mit dem damaligen Sowjetführer Breschnew, das eine Signalwirkung auf dessen Gefolgschaft hatte. Die Arbeitsbedingungen verbesserten sich, der Helsinki- Prozess kam ins Laufen, die Ost-West-Entspannung nahm konkrete Züge an. Deshalb konnten Sie auch zahlreiche Interviews mit Dissidenten wie Sacharow und Kopelew führen, oft die ersten überhaupt mit diesen Gesprächspartnern. So wurde Fritz Pleitgen durch seine Moskau-Berichte nach und nach zu einem Fernseh-Denkmal. Er war stets ein Verfechter der offenen und kritischen Berichterstattung, was nicht immer allen gefiel, aber stets für Aufmerksamkeit sorgte.

Sie, lieber Herr Pleitgen, stammen aus der Generation der 68er. Da wurde gern und viel vom engagierten Journalismus gesprochen. Man musste Flagge zeigen. Das haben Sie getan, als der von Ihnen sehr geschätzte Willy Brandt Ihnen seine Idee erläuterte, mit Polen einen Ausgleich suchen zu wollen. Sie haben sich dann vehement dafür eingesetzt und nach eigenem Bekunden die journalistische Neutralität mitunter vernachlässigt. Sie haben später, und das ehrt Sie sehr, eingeräumt, dass Sie sich zu etwas haben hinreißen lassen, was Ihr ebenfalls großer Kollege Hanns-Joachim Friderichs den Journalisten kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gegeben hat: „Man muss sich nicht mit einer Sache gemein machen.“ Sie konnten mit ihrem starken Engagement für die Entspannung zwischen Ost und West kein Unheil anrichten, im Gegenteil. Die von Ihnen allerdings später artikulierte Selbstkritik bezüglich vernachlässigter Distanz und Objektivität wünschte ich mir heute bei so manch einem Ihrer Kollegen!

Unvergessen ist für uns Fernseh-Zuschauer natürlich auch Ihre Zeit als Leiter des ARD-Studios in der DDR. Fritz Pleitgen hat nahezu alle Phasen der DDR-Geschichte verfolgt. Als Kind erlebte er die Teilung der beiden deutschen Staaten, mit 23 Jahren den Mauerbau. Als er vom Fall der Mauer hörte, flog er sofort nach Berlin und berichtete vor Ort vom Brandenburger Tor. Dennoch behielt er trotz aller Euphorie eine Portion Skepsis und misstraute der Situation. So mahnte er auch seine Kollegen, ich zitiere:„Dies ist eine explosive Zeit, der wir in unserer Berichterstattung nicht noch eine zusätzliche Dramatik oder gar Zunder geben sollten.“ Ich weiß von Ihnen, dass Sie sehr ungern von Moskau nach Ost-Berlin gewechselt sind. Sie konnten es den dortigen Verantwortlichen nicht nachsehen, dass sie mit dem Auftrag an Guillaume zum Sturz von Willy Brandt beigetragen und der Entspannungspolitik einen herben Dämpfer verpasst hatten. Die Bedingungen für Ihre journalistische Arbeit waren erneut sehr hart. Als sie durch verschärfte Gesetze noch schwieriger wurden und selbst auf der Straße kein Interview mehr ohne Genehmigung möglich war, haben Sie mal wieder überlegt, den Korrespondentenplatz zu verlassen oder sich, siehe Moskau, in Folge einer unliebsamen Berichterstattung rauswerfen zu lassen. Doch dann erkannten Sie, dass eine solche Vorgehensweise zugleich ein Verrat an der Sache gewesen wäre. Sie hätten nämlich die DDR-Bürger sitzen lassen, da man so schnell keinen neuen Korrespondenten ins Land gelassen hätte. Sie blieben – und spielten gelegentlich auch Ihre „russische Karte“ aus. So sprachen Sie bei Empfängen und ähnlichen Gelegenheiten mit dem damaligen Botschafter Abrassimov, den Sie gut kannten, immer russisch. Honecker stand daneben, verstand kein Wort und wurde immer nervöser, ehe er dann endlich Abrassimov nach dem Inhalt des Smalltalks fragen konnte. Der Filou Abrassimov antwortete ihm dann zumeist, es habe sich um „Kriegsgeheimnisse“ gehandelt und Honecker zog irritiert von dannen.

Was macht ein Fernsehmann in einem Land, in dem Dreherlaubnisse für die eigentlichen Tagesthemen fehlen? Er muss sich etwas einfallen lassen und dreht Features über ostdeutsche Landschaften wie den Thüringer Wald, den Harz oder Rügen. Themen, die ein politischer Korrespondent immer wieder als ein wenig unter seiner Würde empfindet. Anders Fritz Pleitgen. Mit eben jenen Beiträgen über Land und Leute hat er wesentlich dazu beigetragen, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl in Deutschland am Leben erhalten wurde. Denn im Westen saßen Zuschauer, die keine Ahnung von der DDR hatten, was zu Lasten der Menschen dort ging. Die Bürger in Ostdeutschland sahen sich gewürdigt. So waren diese scheinbar unpolitischen Filme in ihrer Wirkung viel politischer, als wenn der Versuch gestartet worden wäre, sich das herrschende System vorzunehmen.

1982 folgte der Wechsel nach Washington zur Zeit von Ronald Reagan. Sie galten dort als ein „Liberal“, als ein Linker, fühlten sich aber dennoch immer gut behandelt und auch in Kreisen Andersdenkender herzlich aufgenommen. Sie haben später eingeräumt, in den USA auch mit Blick auf Ihre journalistische Arbeit eine Menge gelernt zu haben, nicht zuletzt auch aufgrund der unterschiedlichen Kommunikationskultur zwischen Ihrer Heimat und Ihrem temporären Gastgeberland. So konnten Sie nach einem abschließenden Jahr in New York nach nahezu 20-jähriger Wanderschaft von Ost nach West trotz aller Unbill das Fazit ziehen: Die drei ganz unterschiedlichen und untereinander unvergleichbaren Stationen in der Sowjetunion, in der DDR und in den USA waren für mich in gleicher Weise wertvoll.

Von 1988 bis 1993 war Fritz Pleitgen dann Chefredakteur Fernsehen des WDR und führte den Programmbereich Politik und Zeitgeschehen. Wer besser als er hätte die zahlreichen Sondersendungen leiten können, die die deutsche Einheit und den Zusammenbruch der Sowjetunion zum Gegenstand hatten? Denkwürdig sind die zahlreichen Interviews, die er mit Kohl, Kranz, Walesa, Kissinger und Gorbatschow führte. Es folgte ein Jahr als Hörfunkdirektor des WDR. In dieser kurzen Zeit nahmen Sie die grundlegende Reform der WDR-Radioprogramme in Angriff, die Sie zu Wellen umformatierten. So entstand unter Ihrer Ägide das erfolgreiche Eins Live und das Wortprogramm WDR 5. Das Radio wurde neu auf die Beine gestellt, und das von jemandem, der doch im Grunde immer ein Fernsehmacher war und wohl auch heute noch mit Herzblut ist. Seit nunmehr zehn Jahren ist Fritz Pleitgen Intendant des WDR.

Damit wurde aus dem Journalisten ein Manager auf einem der schwierigsten Chefsessel, den wir in unserem Land zu besetzen haben. Während der Unternehmenschef hierzulande seinem Aufsichtsrat Rede und Antwort stehen muss, ist der Intendant einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt gleich zwei Räten verpflichtet: dem Rundfunkrat und dem Verwaltungsrat. Da gibt es vermutlich lustigere Stunden im Leben eines Intendanten als die Ratssitzungen! Fritz Pleitgen ist einmal gefragt worden, was ein Intendant eigentlich macht. Seine Antwort lässt aufhorchen. Sie lautete: „Das fragt mich meine Frau abends auch, wenn ich wieder einmal ziemlich spät nach Hause komme und doch relativ wenig zu erzählen habe.“ Die Antwort hätte auch von mir stammen können. Ihr Amtsvorgänger Friedrich Nowottny hatte da schon eine sehr viel plastischere Vorstellung, als er meinte, dass dieser Job ein ständiger Wettkampf zwischen Hirn und Hintern sei. Eine Erkenntnis, die Sie, lieber Fritz Pleitgen, so nicht unbedingt teilen. Doch die Frage Ihrer Frau ist natürlich verständlich, da Sie früher während Ihrer journalistischen Tätigkeit sehr viel spannendere Geschichten zu erzählen hatten als heute, auch wenn gelegentliche Meinungsunterschiede mit Spitzenpolitikern des Landes ja auch mal ganz reizvoll sein können.

Nicht zuletzt in Ihren beiden Jahren als ARD-Vorsitzender haben Sie gelernt, dass es sehr viel einfacher ist, Fragen zu stellen als Antworten geben zu müssen. Da erwischt sich ein Intendant dann doch schon mal dabei, wie er wie ein versierter Politiker ausweichende Antworten gibt, die er in seiner früheren Funktion von seinem Interviewpartner so vermutlich nicht akzeptiert hätte. Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich dafür gelegentlich schämen würden. Warum? Sie befinden sich doch in guter Gesellschaft! Wir zeichnen heute eine verdiente europäische Medienpersönlichkeit aus, die sich u.a. in den von ihr verantworteten Fernseh- und Hörfunkprogrammen für vielfältige europäische Formate eingesetzt hat. Entsprechende Beispiele für das Engagement von Fritz Pleitgen wurden hier und heute bereits erwähnt. Aber wer weiß schon, dass er sich schon in jungen Jahren auf den Weg nach Europa machte? In einem sehr persönlichen Brief an die 8. Klasse einer westfälischen Schule schrieb er wie folgt: „Als 15- und 16-Jähriger habe ich mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin losgeradelt. Das erste Mal mit 40 Mark in der Tasche. Ich hatte sie mir durch eine Blutspende verdient. Die erste Tour ging durch Belgien und Frankreich bis an die Pyrenäen, von dort an der Mittelmeerküste entlang nach Italien, bis Rom und zurück. Unterwegs gab mein Fahrrad den Geist auf, und ich schlug mich per Anhalter durch. Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, haben mich vermutlich lebenslang geprägt. Ohne, dass ich es bewusst wahrgenommen hatte, war ich sehr früh zu einem Europäer geworden. Überall hatte man mich freundlich aufgenommen und bewirtet, denn mein Geld war sehr schnell ausgegangen. So kurz nach dem Krieg mussten diese guten Erfahrungen nicht als eine Selbstverständlichkeit betrachtet werden.“ Soweit Auszüge aus dem Schreiben eines bereits vor 50 Jahren begeisterten Europäers.

Nicht zuletzt auch als Mitglied der „Initiative pro Erweiterung“ haben Sie sich immer wieder für ein wachsendes Europa engagiert und an die Medien appelliert, durch ihre Berichterstattung zur Ausprägung einer gemeinsamen europäischen Identität beizutragen. Kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren Sie in Litauen und fragten einen jungen Mann in Wilnius, welche Zukunft er sich für sein Land wünsche. Seine Antwort lautete: Teil des vereinten Europas zu sein. Ein schöner Traum, dachten Sie damals. Der Traum ist vor einem Jahr Wirklichkeit geworden. Ihnen, lieber Herr Pleitgen, gratuliere ich sehr herzlich zu Ihrer heutigen Auszeichnung. Ich wünsche Ihnen, dass auch noch der eine oder andere schöne Traum von Ihnen wahr wird. Als großer Fußball-Fan fängt es doch in Kürze schon gut an: Der gebürtige Duisburger darf sich auf den Aufstieg des MSV in die 1. Bundesliga freuen. Für die Aachener unter Ihnen wird dieser Traum dann ein Jahr später wahr, keine Angst! Ich wünsche Fritz Pleitgen, dass sein sportiver Ehrgeiz, gelegentlich gegen den Strich zu bürsten, nicht nachlässt. Bleiben Sie der umtriebige Typ und gehen Sie uns nicht als das verloren, was Sie zuallererst sein wollen und auch sind: Journalist. Und natürlich überzeugter Europäer.

Nochmals herzlichen Glückwunsch!

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