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Preisträger : Krystyna Janda

 

 

Laudatio Michael Schmid-Ospach

Laudatio zur Preisverleihung an Krystyna Janda am 11. Mai 2006

Michael Schmid-Ospach ist Geschäftsführer der Filmstiftung NRW.

Liebe Krystyna Janda, sehr geehrte Damen und Herren,

Ihnen, Krystyna Janda, haben wir in jüngster Zeit ein besonderes Film- und Literaturerlebnis zu verdanken. Wenn man ein gutes Buch gelesen hat, sind einem die Romanhelden oft so vertraut, als würden sie gleich nebenan, mindestens in derselben Straße, wohnen. Man kennt sich mit dem einen entscheidenden Unterschied: Man weiß viel, viel mehr über seine Buchbekannten als über seine wirklichen Nachbarn. Man kennt ihre Sehnsüchte, ihre Qualitäten, ihre Fehler und sogar ihre geheimsten Wünsche. Man hat sich tagelang, manchmal sogar wochenlang mit ihnen beschäftigt, bis man das Buch nach der letzten Seite endlich aus der Hand legt und selbst danach – zumindest gilt das für die guten Bücher – ist man sie nie ganz los. Sie begleiten einen wie gute Freunde ein Leben lang und auch, wenn man sie für ein paar Jahre aus den Augen verliert, bleiben sie im Hintergrund immer präsent.

Bei einer Verfilmung eines solchen Buches können die Schauspieler gegen diese alten vertrauten Freunde, die man im Kopf mit sich herum trägt, bei sich hat, in der Regel nur verlieren. Das ist die Tragik der meisten Literaturadaptionen für Leinwand und Bildschirm, und ich bin, nebenbei bemerkt, schon jetzt höchst gespannt, wie es Tom Tykwer in der Verfilmung des „Parfüms” gelingen wird, dieses alte Problem zu lösen. Als größten GAU der Literaturverfilmung habe ich „Das Schlachtfest von Zürich“ in Erinnerung, als Zanussi von der deutschen Literaturkritik verhauen wurde wegen der Verfilmung von „Blaubart“, und Max Frisch ihm nicht helfen konnte.

Ich jedenfalls hatte, als ich Günter Grass´ Erzählung “Unkenrufe” mit höchstem Vergnügen las, eine sehr konkrete Vorstellung der patenten Witwe Alexandra.

Und dann kamen Sie, Frau Janda, und sie verkörperten all die Bilder, die sich bei mir eingestellt hatten. Das war überraschend, aber – und das verdanke ich ihrer Schauspielkunst - da war plötzlich, auf der Leinwand, in dieser Figur noch viel mehr, als was ich gesehen hatte, und was allein Sie, Krystyna Janda, in diesem Film zum Leuchten gebracht haben. Déjà vu und große Überraschung, als träfe man die „Mona Lisa” im Louvre wieder. Man erkennt das Bekannte, und entdeckt gleichzeitig das Verborgene im Vertrauten. So ging es manchem bei „Unkenrufe” – Dank an Frau Janda. Ein Stück Weltliteratur geriet durch Sie in die nächste Dimension. Für die Produzenten – auch für die auf der deutschen Seite – Regina Ziegler, war es von Anfang an gar keine Frage, wer das spielen sollte. Oder um es besser zu sagen: Wer das spielen konnte.

Warum ich aus ihrem reichen Filmschaffen gerade diesen Film ausgewählt habe, lässt sich leicht erklären: Erstens und egoistisch, pardon, weil die Filmstiftung NRW ihn gefördert hat und wir alle, Polen und Deutsche, stolz auf diesen Film sein können. Zweitens, weil er gar nicht weit von hier in Köln und Düsseldorf gedreht wurde und drittens – und das ist dem Anlass angemessen der wichtigste Grund – weil bei den Dreharbeiten in vielen europäischen Sprachen gesprochen, gelacht und ganz sicher auch – wie an jedem Set auf dieser Welt - gestritten wurde.

Der Regisseur sprach Polnisch, Englisch, und ein bisschen Deutsch, Sie Frau Janda unterhielten sich mit ihrem Filmpartner Matthias Habich auf Französisch und dazwischen erklangen immer wieder polnische und deutsche Sätze. Was passt besser zu einer Preisträgerin, die heute für ihre Verdienste um die Integration Europas geehrt wird und schließlich passt es auch ganz hervorragend hier ins vielsprachige Dreiländereck nach Aachen.

Bei den Dreharbeiten von Unkenrufe, so erzählen es die Beteiligten, führte das babylonische Sprachgemisch nicht zu einer die Menschen trennenden Verwirrung, sondern im Gegenteil zur Verständigung aller Beteiligten. So wie sich in Grass´ Erzählung der Kunsthistoriker Reschke aus Bochum und die Restauratorin Piatkowska aus Gdansk zwischen ihren Heimatländern Brücken bauen, so hat auch der Film Brücken gebaut. Nicht nur wegen seines Themas, der deutsch-polnischen, und auch der polnisch-litauischen Verständigung, sondern weil hier Deutsche und Polen gemeinsam an einem großen Ziel gearbeitet haben: Dieses Ziel war ein gemeinsamer Film - grenzüberschreitend - und man kann sich – als Filmenthusiast kaum ein schöneres Ziel vorstellen. Das ist europäische Integration ganz konkret im Alltäglichen zwischen Produktionsbüro, Garderobenwagen und Cateringbude.

Und damit stehen die Beteiligten mittlerweile ja auch gar nicht mehr so alleine da. Gerade dreht Dokumentarfilmer Stanislaw Mucha in Essen seinen ersten Spielfilm „Hope“ nach einem Drehbuch von Krzysztof Piesiewicz. Der Autor hat auch schon die Bücher für Kieslowski geschrieben, mit dem wiederum Sie Frau Janda, wen wundert es, genau wie mit Andrzej Wajda auch schon in wunderbaren Filmen zusammengearbeitet haben.

Und Ende Juni startet „Leben in mir” von der jungen polnischen Regisseurin Malgorzata Szumowska in den deutschen Kinos. Beide Filme sind, genau wie „Unkenrufe”, deutsch-polnische Koproduktionen und ich hoffe sehr, dass es davon in Zukunft noch mehr geben wird.

Wir werden solche Produktionen jedenfalls unterstützen, denn was mit unserem westlichen Partner Frankreich über die Jahre gelungen ist: Ein freundschaftliche Beziehung ohne gegenseitige Ressentiments zu erreichen, das muss auch das Ziel sein für die deutschpolnischen Beziehungen. Eine Beziehung ohne deutsche Witze über geklaute Autos und ohne polnische Titelseiten mit Hakenkreuzen. Ich bin sehr froh, dass wir auf der letzten Berlinale mit Andrzej Wajda und Noemi Ben-Nathan eine Zusammenarbeit der Hochschulen Warschau, Jerusalem und Köln vereinbaren konnten.

Wir leben nebeneinander als Nachbarn in Europa. Mit einer gemeinsamen Vergangenheit, die man nicht wegdiskutieren kann und es auch gar nicht versuchen sollte, mit einer – und das ist tröstlich und wichtig – gemeinsamen Zukunft.

Hier kann die Kultur und hier vor allem, wegen seiner großen Reichweite, der Film entscheidende Hilfestellungen leisten. In einem Interview mit einer anderen großen europäischen Schauspielerin, mit Jeanne Moreau, das kürzlich erschienen ist, waren sich Jeanne Moreau und der Interviewer einig, dass ein Film wie Truffauts „Jules und Jim” über eine deutsch-französische Männerfreundschaft und die damit verbundene menage á trois trotz des Verzichtes auf ein Happy End mehr für das Verständnis und die Sympathien zwischen den beiden Völkern geleistet hat, als manche Politikerrede. Ein solcher Film steht für das deutsch-polnische Verhältnis noch aus und wenn ich bei einer guten Fee einen Wunsch frei hätte, so würde ich mir von ihr ganz gewiss wünschen, dass Sie, Frau Janda, in diesem völkerverbindenden Film die Hauptrolle übernehmen.

Denn was wäre das Kino ohne die Frauen? Man könnte sich den Frauen im Film über die Männer nähern und von Regisseuren erzählen, die nur aus dem einen Grund ihren Beruf ergriffen haben, um auf diese Weise jene schöne Frauen kennen zu lernen, die sich sonst nicht für sie interessieren würden. Oder man könnte Truffaut zitieren: „Filmemachen ist, schöne Frauen schöne Dinge machen zu lassen.” Aber dieses Zitat ist mittlerweile so häufig verwendet worden, dass es schon viel zu starke Abnutzungserscheinungen hat.

Oder man nähert sich dem Thema über die großen Kinoschauspielerinnen, wie Krystyna Janda. Auch über sie ist schon viel zu viel Kluges von vielen klugen Köpfen gesagt geworden. Außerdem hat mein Vorgänger bei der Filmstiftung, der jetzige Berlinale-Chef, Dieter Kosslick, den Leinwandgöttinnen in diesem Jahr auf der Berlinale bereits die Retrospektive des Berliner Filmfestivals gewidmet. Etwas verfrüht, wie ich finde. Denn es gibt auch heute noch Leinwandgöttinnen – und eine sitzt hier heute unter uns.

Deswegen will ich am Tag der Ehrung einer großen Schauspielerin nicht nur über Frauen auf der Leinwand, sondern auch über Frauen im Kino reden. Denn wenn ein Paar noch unschlüssig in der Kinovorschau seiner Lokalzeitung blättert, sich im Internet über das Angebot informiert, oder noch unentschieden einen Filmpalast betritt, ist es am Ende doch immer die Frau, die entscheidet, in welchen Film die beiden gehen werden. Da ist es an der Kinokasse nicht anders als im wirklichen Leben. Und das ist kein neues Phänomen unserer Zeit, nur ist es heute ein gesellschaftlich akzeptiertes und soziologisch abgesichertes. Nicht zuletzt deswegen sind Frauen auch für die gesamte Kinobranche – von den Produzenten bis zu den Filmtheaterbesitzern - so ungemein wichtig.

Auch wählen Frauen die Filme, die sie sehen wollen, nach anderen Kriterien aus als Männer und es scheint mir, dass sie dabei das Wesen des Kinos meist viel besser verstehen als wir. Action jedenfalls hat bei ihnen selten eine Chance, es ist das Drama was sie anzieht.

Und im Gegensatz zu dem, was man auf den ersten Blick glauben könnte, sind es ja gar nicht so sehr die Bilder auf der Leinwand, die das Kino in seinem innersten Wesen ausmachen. Natürlich ist es imponierend, wenn eine Brücke mit viel Spektakel in die Luft gejagt wird, ein Stuntman mit einem Motorrad über einen Canyon setzt oder die vielen Landschaften von Neuseeland in „Herr der Ringe” eindrucksvoll inszeniert werden.

Das alles ist schön anzuschauen, unterhaltsam, aber das wirkliche Wesen des Kinos benutzt Bilder nur als Katalysator für etwas viel Wichtigeres: Für Gefühle – und die, das wissen wir alle, können viel brisanter, explosiver und in ihrer Wirkung verheerender sein, als ein ganzer Güterzug voller Dynamit, der auf der Leinwand explodiert. Und hier hege ich eben den Verdacht, dass diese tiefe Kraft des Kinos „Gefühle auf der Leinwand zum Ausdruck zu bringen und beim Betrachter zu erwecken” von den Frauen besser verstanden wird, als von uns Männern. Umso verwunderlicher, nebenbei bemerkt, dass es erst so langsam einer Generation von Filmkritikerinnen gelingt, die großen Feuilletons zu erobern.

Verwunderlich auch, dass weiterhin die meisten Filme von Männern gemacht werden. Doch auch da sind Veränderungen absehbar. Es ist erfreulich, dass immer mehr Frauen auch hinter der Kamera stehen und nicht mehr nur die traditionellen Bereiche besetzen, wie Maske oder Kostüm. Elfi Mikesch etwa wird in diesem Jahr in Köln den deutschen Ehrenkamerapreis erhalten. Das erste Mal, dass diese Auszeichnung an eine Frau geht. Und von den Filmhochschulen strömen mittlerweile eine ganze Reihe hoch talentierter Regisseurinnen ins Filmgeschäft. Es ist ja nur folgerichtig, dass sie bei ihrer Bedeutung fürs Kino langsam auch die Stellen besetzen, die über die Geschichten, die Inszenierung und die Bilder entscheiden.

Sie, Frau Janda, haben bei eigenen Projekten Regie geführt und ich bin gespannt, was ihre Energie uns da noch bringt. Mutmachend für alle Frauen in künstlerischer Arbeit: Wir schauen auf ein großes Werk, auf sie als die grande dame ihres Landes des europäischen Kinos.

Gleichermaßen im Kino, im Fernsehen und – vor allem – im Theater aktiv. Ob Tschechow oder Strindberg, ob „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ oder „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, großes Theater von Shakespeare bis Racine. Und eben großes Kino: Im Start mit Andrzej Wajda, der gerade seinen 80. Geburtstag feierte, mit „Der Mann aus Marmor“ bereits 1977 ein großer internationaler Erfolg. Oder auch mit Istvan Szabos „Mephisto“ (1981). Erfolge dann auf nahezu allen großen Festivals in Europa, 1990 ein Höhepunkt mit der goldenen Palme als beste Schauspielerin in Bugajskis „Verhör einer Frau“.

Nicht nur die Hohen Priester des Kinos: Millionen von Deutschen, die den Bellheim liebten, haben Frau Janda bewundert, wie sie den 3. Frühling des Patriarchen durchmessen hat – Schauspiel auf dem obersten Level, nicht nur die Sprache, die Mimik – ein Gang, ein Blick, eine Haltung – dieser mittleren Rolle gaben sie ganz große Kontur.

Ich freue mich jedenfalls sehr, Frau Janda, dass Sie in diesem Jahr die Karlsmedaille erhalten, dass nach Lord Weidenfeld of Chelsea, Cees Nooteboom, Jan Mojto, Jean-Jaques Annaud und Fritz Pleitgen Sie es sind, die als erste Frau diese Auszeichnung entgegen nimmt. Gerade weil ihre Arbeit, ob etwa in ihrem Film „Verhör einer Frau” oder eben auch bei „Unkenrufe” immer auch politisch war und dieser medienpolitische Preis ja auch mehr eine politische als eine reine Medien-Auszeichnung ist. Frau Janda, ich gratuliere ihnen herzlich und verneige mich vor einer großen europäischen Schauspielerin, von der wir uns alle wünschen: Wir möchten sie in vielen weiteren Filmen sehen. Dafür schon jetzt im Voraus herzlichen Dank.

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