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Meine Damen und Herren,
Ich freue mich außerordentlich, die diesjährigen Preisträger 'Reporter ohne Grenzen' vor Ihnen würdigen zu dürfen. Und das in einer Stadt, die, in der geografischen Mitte unseres Kontinents gelegen, seit Jahrhunderten vorlebt, dass nationale und kulturelle Grenzen nichts Trennnendes sein müssen. Es mag Sie nicht überraschen, dass - für mich, als Vertreter von Euronews - Aachen eine meiner Lieblingsstädte in Europa ist. Eine Stadt inmitten eines Drei-Länder-Ecks ist für einen mehrsprachigen europäischen Nachrichtensender geradezu ein prädestiniertes Sendegebiet...
Europas nationale und kulturelle Grenzen zu überschreiten, Wissen über den Nachbarn zu verbreiten und Verständnis für ihn zu entwickeln, zum Wohle der Menschen, dieser Vision der Väter und Mütter der Europäischen Union ist auch Euronews im Bereich der Medien verpflichtet. Wir sehen in einer grenzüberschreitenden Berichterstattung einen Beitrag zur Schaffung einer aufgeklärten europäischen Öffentlichkeit.
Und weil diese Öffentlichkeit multikuturell ist und kulturelle und sprachliche Vielfalt wichtige Güter in Europa sind, senden wir in acht Sprachen, bald in neun. Nach sechs westeuropäischen Sprachen haben wir zunächst vor einigen Jahren Russisch eingeführt und im vergangenen Jahr Arabisch. Ab kommenden Januar wird es Euronews auch auf Türkisch geben.
Nicht dass wir dadurch die weitere Entwicklung der Europäischen Union vorwegnehmen wollten. Wir wollen aber die Menschen in Europa erreichen – in ihrer Sprache. Die Bedeutung von Sprachgrenzen ist in den vergangenen Jahrzehnten ebenso gesunken wie die von nationalen Grenzen. Die Gesellschaft Europas ist heute bunter und vielseitiger als früher. Dies ist ein grosser Fortschritt für die Bürgerinnen und Bürger und damit auch für die Medien.
Ein Nachrichtensender, der in seiner Arbeit keine Grenzen kennt, braucht - mehr vielleicht als andere - Reporter ohne Grenzen. Es mag Sie daher ebenfalls nicht verwundern, dass ich als Vertreter von Euronews Reporter ohne Grenzen für eine Organisation halte, die für die Weiterentwicklung des Journalismus im 21. Jahrhundert wesentliche Akzente setzt. Mehr noch - eine Organisation, die für die Verteidigung einer freien Berichterstattung unverzichtbar ist.
Die Organisation 'Reporter ohne Grenzen' setzt sich vordringlich für bessere Arbeitsbedingungen von Journalisten und ein höheres öffentliches Ansehen des Journalismus ein. All diese Bemühungen münden bisweilen in einen schwierigen Kampf. Ein Kampf, der den 'Reportern ohne Grenzen' zur Ehre gerecht.
Denn nur dort, wo Pressefreiheit herrscht, gibt es eine freiheitliche Demokratie. Wer etwas andereres behauptet, verkauft die Öffentlichkeit für dumm. Nur wenn Journalisten ungehindert Informationen sammeln, bearbeiten und analysieren können, werden sie ihrer Aufgabe gerecht - und ich füge hinzu: der Erwartungshaltung von Redaktionen und Publikum. Die freie Arbeit von Medien muss in Berlin, Paris und Washington ebenso möglich sein wie in Russland, China und im Nahen Osten. Und „frei" heißt dabei tatsächlich: „frei“. Nicht etwa „im Prinzip frei" oder „im wesentlichen frei". Freiheit ist keine Frage der Semantik. Journalisten arbeiten frei oder sie tun es nicht. Man kann nicht „ein wenig frei" sein, so wie man auch nicht "ein wenig schwanger" sein kann...
Wir können doch weltweit beobachten, wie staatliche Autorität oder totalitäre Weltanschauungen durch Drohung, Zensur und Gewalt die Information ihrer Bürger beeinflussen.
Leider gilt dies auch – nach allerjüngsten Erfahrungen – für Länder, die sich grundsätzlich der Pressefreiheit verpflichtet fühlen. In denen dann aber, in einer konkreten Situation, die Regierungen eine freie Berichterstattung behindern oder gar ganz verhindern.
So ist es schlechterdings nicht hinnehmbar, dass zum Beispiel die Informationen über das Kriegsgeschehen im Irak nur über so genannte „Embedded journalists“ erfolgt ist. Bei aller Anerkennung der Fürsorge um Journalisten in einem gefährlichen Konfliktgebiet: Dies eine Kampfansage an den freien Journalismus.
Oder, dass während des Konflikts im Gazastreifen ausländischen Journalisten der Zugang dorthin untersagt war. Beide Seiten, Israelis wie Palästinenser, setzten sich damit dem Verdacht aus, Dinge im Verborgenen betreiben zu wollen, die sie vor dem grellen Licht einer internationalen Öffentlichkeit schützen zu müssen glaubten. Eines muss indes klar sein: Wenn eine Medienblockade Teil der Kriegsstrategie wird, ist die Pressefreiheit und damit ein fundamentales demokratisches Grundrecht der erste Verlierer.
Interessengegensätze zwischen staatlichen Autoritäten und einer freien Berichterstattung sind unvermeidlich und müssen in einer offenen Gesellschaft ausgehalten werden. Die Bürger haben einen Anspruch darauf, dass sie über die von ihnen gewählten Vertreter und ihren Dienst an der Gemeinschaft regelmässig informiert werden. Wer anders soll dies tun als eine unabhängige Presse? Und diese versteht sich völlig zu Recht als kritischer Betrachter und nicht als Verbreiter amtlicher Verlautbarungen.
Der britische Publizist Hugh Carlton Green ist mit der Feststellung überliefert: „Nennen Sie mir ein Land, in dem Journalisten und Politiker sich vertragen und ich sage Ihnen: - da ist keine Demokratie“.
Aber nicht nur die spektakulären Ereignisse – bis hin zur Tötung von Journalisten und Journalistinnen – sind es, die die freie Berichterstattung bedrohen. Es gibt auch die subtilen Formen des äußeren Drucks. Sie führen zum Beispiel zum Verzicht auf eine unbequeme, sensible Meldung oder zum Verzicht auf kritische Kommentierung. Ich spreche von der so genannten „Schere im Kopf“.
Reporter ohne Grenzen wehrt sich weltweit gegen Zustände, die nicht hinnehmbar sind. Und ich betone: weltweit. Die Organisation tut das nicht nur im Interesse von Kollegen, sondern in unser aller Interesse weltweit. Schließlich hat die Organisation Beraterstatus beim Europarat, beim Menschenrechtsrat der UNO und bei der UNESCO. Aber Reporter ohne Grenzen kommt auch ein besonderes Verdienst für Europa zu.
Wir können stolz darauf sein, dass die Organisation eben eine europäische Kreation ist und nicht in einem anderen Kontinent ihren Ursprung hat. Zum anderen dokumentiert sie natürlich auch, dass der Schutz der Menschenrechte - und die Pressefreiheit ist ein solches Recht - ein Grundbestandteil und ein Grundanliegen der europäischen Demokratien ist. Reporter ohne Grenzen schafft damit auch bei jüngeren Generationen das Bewusstsein für das, was Recht und richtig sein soll. Und schließlich wacht die Organisation auch darüber, dass es in unserem eigenen europäischen Hause keine Missstände gibt. Und wenn diese dennoch aufgespürt und angeprangert werden, dann ist das das Verdienst einer mutigen, aufgeklärten und kompetent arbeitenden Presse.
Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind unverzichtbare Voraussetzungen für eine humane Gesellschaft. Nur dort, wo jeder offen und öffentlich reden und schreiben kann – wo freie Rede und freie Berichterstattung über alle Grenzen hinweg selbstverständlich sind – nur dort gibt es den selbstbewussten Bürger, den Citoyen als Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie.
'Reporter ohne Grenzen' kämpfen für diese Werte und dafür gebührt ihnen unser Dank. Im Namen von uns alles wünsche ich dieser Organisation, dass sie ihrer engagierten Arbeit auch in der Zukunft mit gleichem Erfolg nachgehen kann. Allerdings wünsche ich ebenso, dass langfristig das Engagement von „Reporter ohne Grenzen“ eines Tages nicht mehr nötig sein wird, weil die Freiheit der Berichterstattung weltweit respektiert wird. Und wenn dieser Tag erreicht sein wird, dann wird 'Reporter ohne Grenzen' daran einen wesentlichen Anteil haben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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