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Rede zur Preisverleihung an André Rieu am 6. Mai 2010
Marcel Philipp ist Oberbürgermeister der Stadt Aachen. |
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Hochverehrter Herr Rieu, lieber Herr Kayser, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Stellvertretend für den Rat und die Verwaltung der Stadt Aachen sowie die Bürgerschaft unserer Stadt, aber auch ganz persönlich heiße ich Sie am heutigen Nachmittag im Krönungssaal des Aachener Rathauses zur 10. Verleihung der Karlsmedaille für die europäischen Medien willkommen.
Das 10jährige Jubiläum der Médaille Charlemagne nehme ich gerne zum Anlass, dem Trägerverein dieser Auszeichnung, in dem die Stadt Aachen ja auch mitwirkt, einen herzlichen Dank auszusprechen für die Bereicherung sowohl des kulturellen Lebens unserer Stadt, als auch ihres europapolitischen Engagements, die mit der jährlichen Vergabe dieser Auszeichnung verbunden ist.
Gewissermaßen ist die Medaille längst ein kleiner Bruder des Internationalen Karlspreises, der genau in einer Woche hier im Saal an den polnischen Premierminister Donald Tusk vergeben wird. Die bewusste Auswahl des Vergabeortes und die grundsätzliche Entscheidung für die mit Karl dem Großen verbundene Namensgebung der Auszeichnung waren in der Gründungsphase ambitioniert und deuteten auf den hohen Stellenwert hin, den die Médaille Charlemagne für sich reklamieren wollte. Heute, ein Jahrzehnt später, können wir feststellen, dass mit der illustren Schar der Preisträger die Ziele erfüllt sind und die Karlsmedaille hohe Reputation genießt.
Dass sich ein Medienpreis gerade in diesen Zeiten einer steigenden Wertschätzung erfreuen kann, ist keineswegs selbstverständlich, denn kaum ein Bereich unseres Lebens ist so sehr im Umbruch begriffen wie die Medienwelt. Es gibt die rasante Revolution durch die digitale Technik, allen voran durch das Internet. Vor 10 Jahren, als der Preis ins Leben gerufen wurde, konnte der kolossale Transformationsprozess noch nicht in seiner ganzen Tragweite vorausgesehen werden. Heute stellen wir die so genannte Medienkonvergenz, das Zusammenwachsen verschiedener Einzelmedien zu einem Ausgabegerät fest. Hinzu kommt auch eine zunehmende inhaltliche Medienkonvergenz.
Cross Media-Marketing, Online-Communities oder Twitter waren vor 10 Jahren noch nicht in aller Munde. Und der Entwicklungsprozess geht ja mit atemberaubendem Tempo weiter. Nahezu täglich erleben wir, wie die Perfektionierung medialer Dienstleistungen vorangetrieben wird. Gerade in der letzten Woche wurde berichtet, dass die Übersetzungsprogramme im Internet vor einem neuen Quantensprung stehen und sich die Möglichkeit abzeichnet, dass wir Online-Übersetzungen eines Textes aus jeder beliebigen Sprache demnächst per Knopfdruck haben werden.
Doch ist das auch in jeder Hinsicht ein Fortschritt? Zu den Übersetzungsprogrammen fiel mir der Satz von Voltaire ein, der wörtlich sagte: “Jeder, der ein Meisterwerk der Weltliteratur in der Übersetzung - und sei es auch die beste - liest, gleicht dem, der ein Rendezvous mit einem schönen Mädchen hat, aber am Abend mit ihrer hässlichen Schwester ausgeht.”
Gibt es nicht Bereiche unseres Lebens, die authentischer sind, wenn ihre Botschaften nicht mit neuester Technik, sondern auf konventionellem Wege den Adressaten erreichen? Trifft ein handgeschriebener Liebesbrief die seelische Tiefenschicht eines Verliebten nicht eher als eine E-Mail? Und ist der Konzertbesuch nicht besser geeignet mitzuerleben, wie einer Geige Leben eingehaucht wird, als die Aufzeichnung des
selben Konzertes, die bei YouTube im Streaming-Verfahren verfügbar ist?
Ich glaube, zumindest die letzte Frage können wir alle mit einem eindeutigen Ja beantworten, vor allem diejenigen, die den diesjährigen Preisträger schon einmal live erlebt haben. Ich freue mich außerordentlich darüber, dass die Entscheidung des Kuratoriums auf André Rieu fiel.
Er ist einer, der das Klassische beherrscht: Sowohl in der Musik, als auch in der Technik des Mediums, das bei ihm die Geige ist. Zugleich aber versteht er es, neue Wege zu gehen, die aktuellen Medientechniken zu nutzen, um Menschen zu erreichen. So verbindet er Tradition und Innovation, vor allem aber ermöglicht er einem Millionenpublikum den Zuggang zur europäischen Musiktradition, und das sogar weltweit. Sein Erfolg und seine Popularität irritieren natürlich eine selbsternannte bildungsbürgerliche Elite, die die Eingangsschwelle zum Zugang zu Kulturtempeln gerne möglichst hoch legen will.
Über die Auswahl freue ich mich aber noch aus einem anderen Grund - und Sie erlauben diese kleine lokalpatriotische Note. André Rieu ist ein Sohn der Stadt Maastricht, einer niederländischen Stadt in unmittelbarer Nachbarschaft von Aachen. Maastricht und Aachen sind beide Europastädte, bei
uns wird der Internationale Karlspreis verliehen und die Médaille Charlemagne, wir haben den Dom als steingewordenes Symbol für das vereinte Europa und in Maastricht wurde jener Vertrag geschlossen, der den Zusammenhalt der Europäischen Union auf eine neue Ebene brachte. Die Parallelität beider Städte und der Wegfall der Grenze im zusammenwachsenden Europa gab vor etwas mehr als 10 Jahren Königin Beatrix Anlass, den deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog anlässlich seines Besuches in den Niederlanden zu einem Besuch nach Maastricht und Aachen einzuladen - also in eine Stadt, die gar nicht auf niederländischem Hoheitsgebiet liegt. Die Königin wollte damit dokumentieren, dass die Grenzen in Europa endgültig ihre trennende Bedeutung verloren haben und Maastricht wie Aachen als Einheit angesehen werden müssen. Nicht von ungefähr heißt der Maastrichter Flughafen “Maastricht-Aachen-Airport”. Spätestens seit dieser ungewöhnlichen diplomatischen Geste ist jeder Aachener auch ein bisschen Maastrichter - und das gilt auch umgekehrt. Von daher können Sie sicher verstehen, warum ich mich in besonderer Weise über die Auszeichnung an André Rieu freue.
Herzlichen Glückwunsch zu dieser Würdigung Ihres Wirkens, lieber André Rieu!
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