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Preisträger : Inge Schönthal-Feltrinelli

 

 

Laudatio Stefan Aust

Laudatio zur Preisverleihung an Dr. Inge Schönthal-Feltrinelli am 26. Mai 2011

Stefan Aust, Journalist.

Liebe Preisträgerin, liebe Inge Feltrinelli, meine Damen und Herren!

Als ich gefragt wurde, ob ich die Laudatio auf Inge Feltrinelli halten würde, habe ich unvorsichtigerweise spontan zugesagt. Und anschließend sofort erhebliche Bedenken bekommen. Weil ich sie so lange kenne und eigentlich überhaupt nicht kenne. Aber dann habe ich mich daran erinnert, dass wir uns vor gar nicht langer Zeit am Rande irgendeiner Veranstaltung getroffen haben. Natürlich erkannte ich sie sofort, immerhin hatte ich sie in den Sechziger, vielleicht auch in den Siebziger Jahren auf Buchmessen oder anderen halb kulturellen Veranstaltungen häufig gesehen. Das ist ja auch erst 40 bis 50 Jahre her, und Inge Feltrinelli war immer irgendwie Mittelpunkt gewesen. Überrascht war ich, dass sie mich kannte und den Eindruck erweckte, wir hätten uns mindestens alle halbe Jahr irgendwo zwischen Sylt und Mailand, Havanna oder New York getroffen. Das war leider nicht der Fall - aber ich konnte erahnen, warum Giangiacomo Feltrinelli ihr nach einer kurzen Begegnung im Hause Ledig-Rowohlt sein Schloss Villadeati im Hügelland von Piemont zu Füssen gelegt hatte.

Konzerte des Musikers und Schriftstellers Kinky Friedman und seiner Band, den Texas Jewboys, beginnen oft mit dem Song „They don’t make jews like Jesus anymore.“

Fest steht, dass Persönlichkeiten wie Inge Feltrinelli heute wohl nicht mehr gemacht werden. Sie ist die Grande Dame der europäischen und internationalen Literaturlandschaft, zugleich ist sie eine Rebellin, die alle Konventionen sprengt, die lautstark protestiert gegen Zustände und Personen, die sie unerträglich findet.

Empfänge auf Buchmessen in Turin, Paris, London, New York und vor allem Frankfurt könnte man fasziniert damit zubringen, Inge Feltrinelli zu beobachten. Sie hat für solche geselligen Anlässe eine hohe Kunst entwickelt : An großen Autoren, allmächtigen Verlegern und  monomanischen Literaturagenten haucht sie Luftküsse vorbei, ohne deren Wangen auch nur zu streifen – zweifellos eine hygienisch erforderliche Schutzmaßnahme -, gibt jedem von ihnen das wohlige Gefühl, sie sei ausschließlich seinetwegen oder ihretwegen überhaupt auf diese grässliche Party gekommen, obwohl sie sich spätestens nach anderthalb Minuten von einer anderen hochmögenden Person entführen lässt, der sie die gleiche Gewissheit von exklusiver Zuwendung vermittelt, wieder nur für ein paar Augenblicke. Trotzdem sind hinterher alle froh und stolz und werden noch ihren Kindeskindern von ihrer engen Freundschaft mit „la Inge“erzählen.

Inge Feltrinelli hat Urbanität und Weltläufigkeit zur schönen Kunst entwickelt. Und natürlich ist sie nicht nur und nicht in erster Linie Mittelpunkt gesellschaftlicher Anlässe. Ihre kommunikative Ausnahmebegabung stellt sie letzten Endes ganz in den Dienst von Giangiacomo Feltrinelli Editore, dem Verlag, den sie zu einem der Epizentren der internationalen Literatur ausgebaut hat. Im stilvollen Domizil in unmittelbarer Nachbarschaft der Mailänder Scala haben sie alle eine schmucke Heimat gefunden, die Nobelpreisträger Imre Kertész, Doris Lessing, Nadine Gordimer, Günter Grass und José Saramago ihre italienische Heimat gefunden, ebenso wie Bob Dylan, Theodor W. Adorno, Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, der große Reporter Ryszard Kapuscinski, der unerbittliche Mafiakritiker Roberto Saviano und ungezählte weitere herausragende Kämpfer ihrer vielgestaltigen Bataillone des Geistes.

Inge Feltrinelli hätte schon jeden Orden der Welt verdient, wenn es nur um Charme, persönliche Ausstrahlung von Lebensfreude und Lebensmut, um die Kunst der Kommunikation mit anderen Menschen ginge. Als Fotografin unter ihrem Mädchennamen Inge Schönthal hat sie ihre besten Bilder ja auch nicht gemacht, weil sie so begnadet fotografieren konnte. Es war der persönliche Draht, den sie zu anderen Menschen herstellen konnte, der Funke, der übersprang und der sich in jedem ihrer Porträts wiederfindet. Am meisten natürlich in jenem berühmten Foto, mit Selbstauslöser aufgenommen, auf dem sie mit Ernest Hemingway, dem Fischer Gregorio Fuentes und einem gewaltigen Marlin ins Leben strahlt. Das war 1953, und das Foto wurde weltberühmt. Welcher Fotograf kann schon von sich behaupten, dass sein berühmtestes Bild ein Selbstbildnis ist: Damenbild mit Gruppe. Sie hätte eine Romanfigur sein können. Und ist es ja auch irgendwie geworden.

In einem Kapitel ihres Lebensromans lernt sie auf einem Fest im Hause Rowohlt einen gut aussehenden, gebildeten, politisch engagierten jungen Mann kennen, sie fährt ihn zu seinem Hotel, und auf einer Parkbank vor dem Hamburger Vier Jahreszeiten reden sie, reden bis in die frühen Morgenstunden.  Der Mann heißt Giangiacomo Feltrinelli und ist  nicht nur Nachkomme einer uralten italienischen Familie, die im 19. Jahrhundert zu den reichsten des Landes gehörte,  er ist obendrein ein höchst erfolgreicher Verleger , der Boris Pasternaks  Roman "Doktor Schiwago" heimlich aus der Sowjetunion geschmuggelt und im Westen veröffentlicht hatte. Der dafür mit dem Rausschmiss aus der Kommunistischen Partei Italiens geadelt worden war.

Das war schon eine Prinzessinnen-Geschichte ganz besonderer Art. Nein, keine Aschenputtelstory wie am Englischen Hof. Inge Schönthal aus Göttingen war in Hamburg selbst eine kleine Königin, die selbstbewusst mit Medienmoguln wie Axel Springer und Rudolf Augstein verkehrte. Eine der zähesten und erfolgreichsten Journalistinnen, die für Hans Huffzky, den Gründer des Magazins “Constanze” arbeiteten. Kein Prominenter war sicher vor ihrem Wunsch, einen Termin für ein Interview oder Fotos zu bekommen. Sie bekam alle vor ihre Kamera: Picasso, Chagall, die Garbo, Simone de Beauvoir, Erika Mann, Gary Cooper, Billy Wilder. “Inge Fotoreporter” nannte Carlo Feltrinelli den Katalog zur Austellung mit Bildern seiner Mutter.

Inge war immer heiter, immer gut gelaunt, klug und vor allem kontaktfreudig. Und witzig. Witzig gemeint war wohl auch ihre Absichtserklärung, die Danae Coulmas  mir verraten hat, "sie möchte einen schönen, intelligenten und sehr reichen Mann heiraten, interessant sollte er auch sein". Genau das wurde dann zur Wirklichkeit und endete tragisch. Zunächst jedoch wurde die Hamburger Prinzessin Inge Schönthal zu Inge Feltrinelli, der Königin der Mailänder Intelligenzija.

Eine Geschichte aus den Sechziger Jahren, aus der Zeit der Aufruhrs, der Rebellion, der Irrungen und Wirrungen. Ich arbeitete damals, gerade mit der Schule fertig, bei Konkret, der linken Monatszeitschrift, kannte also die linke Szene und ihre Helden ganz gut, tummelte mich in Berlin bei Demonstrationen und hing mit in linken Kneipen ab. Da tauchte nicht selten der schon damals sagenumwobene Giangiacomo Feltrinelli auf, der nicht nur  radikal war, sondern auch alle Revolutionäre der Welt kannte, mit Castro und Che Guevara auf Du und Du, ein erfolgreicher Unternehmer, dessen Verlag fester Bestandteil des italienischen Kulturlebens war. Steinreich, wie es hieß, und, wie man munkelte, durchaus ein Anhänger revolutionärer Aktion.

Einmal schleppte er Dynamitstangen an und übergab sie dem  damals eher verbalrevolutionären  Studentenführer Rudi Dutschke. Der schmuggelte die brisante Ware dann angsterfüllt aus dem Hause - versteckt unter der Matratze des Kinderwagens, in dem Gretchen Dutschkes Baby mit dem biblisch-revolutionären Namen Hosea-Che schlief.

In jenem bewegten Sommer lernten auch Konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl und seine Ehefrau und Kolumnistin Ulrike Meinhof das legendäre Paar aus Italien kennen. Sie wohnten, wie Röhl mir vor ein paar Tagen berichtete, in Thomas Manns ehemaligem Rundhaus in Kampen, das gerade leer stand und in dem es nur zwei Luftmatratzen, einen kleinen Plattenspieler und eine einzige Platte gab. Das war "A whiter Shade of Pale" von Procol Harum, die fünfzig Mal hintereinander gespielt wurde, wie Röhl glaubwürdig versichert.

Natürlich wurden der bei vielen als Ekelpaket verschrieene Röhl und seine allseits beliebte und verehrte Frau Ulrike Meinhof nach Italien eingeladen. Auch dort sei immer nur "A whiter Shade of Pale" gehört worden, in jener Villa, die ein Schloss gewesen sei, ein richtiges Millionärsschloss mit Köchen und flotten Chauffeuren und treuen, aber kommunistischen Dienern. "Diener und Genossen", wie Röhl betont. Von hier aus knüpfte Feltrinelli die Beziehungen zu den Linksradikalen in Italien, denen die KP zu spießig war, zu "Lotta Continua"  und anderen Gruppen, den Rächern der Enterbten und Entrechteten, die für die Obdachlosen und Arbeitslosen in den Elendsvierteln arbeiteten. In diesem durch nichts getrübten Reichtum, erinnert sich Röhl, sei Giangiacomo in verwaschenen Jeans missmutig herumgelaufen, das väterliche Millionenerbe durch linke Bücher noch kräftig vermehrend. Er habe sich bitter über die Dummheit und Inkonsequenz der italienischen KP beklagt, die er mit den deutschen Sozialdemokraten verglich und grübelte auch darüber nach, was man tun könne. Er war begeistert von Ulrike Meinhof , die beiden, so beobachtete der damals auch nicht gerade im revolutionären Abseits verharrende Röhl,  waren tatsächlich echte politische Wahlverwandte; etwa zur gleichen Zeit sagten sie sich auch von Ehe und Geschäft los, und etwa zur gleichen Zeit gingen sie "in die Berge", zu den Rächern der Enterbten im politischen Untergrund, in der Illegalität. Der Unterschied war nur, dass Feltrinelli das Geld nicht erst unter erheblichen Risiken bei Bankfilialen enteignen musste - er musste es nur vom Konto abheben. Sein tragischer - wohl nie vollständig aufgeklärter  - Tod am Hochspannungsmast und Ulrike Meinhofs Verhaftung fielen zeitlich fast zusammen. Dennoch gibt es keine Anzeichen dafür, dass zwischen den Gruppen, in denen Feltrinelli arbeitete, und der RAF irgendwelche Verbindungen bestanden hätten. Giangiacomo Feltrinelli spielte ja auch in einer anderen Liga, eher Fidel Castro und Che Guevara als Baader und Ensslin.

Da saß sie nun, die deutsche Fotografin in Mailand, an der Spitze eines renommierten,  erfolgreichen Verlages, dessen Besitzer, ihr Ehemann, seit geraumer Zeit im Untergrund agiert hatte und nun tot unter einem Hochspannungsmast lag, von einem Sprengstoffgürtel mit 15 Stangen Dynamit in die Luft gesprengt. Das Familienvermögen weitgehend aufgebraucht - für welche revolutionären Zwecke auch immer. Der Verlag, ein Sprachrohr der Linken, wird selbst zum Thema und nähert sich dem Untergang. Der Alleinerbe des maroden Imperiums, ihr Sohn Carlo, ist gerade neun Jahre alt, und es gibt noch sieben funktionierenden Buchläden.

"Er hat die Türen hinter sich zugeschlagen", sagte sie später in einem Interview, " und er ist gestorben, wie er sich gewünscht hatte, als tragischer Held, nicht als Salon-Sozialist".

Und spätestens jetzt kommt Inges große Stunde. Sie wurde Präsidentin des Verlages, die Banker hatten die Kredite gestrichen, sie musste den Apparat verkleinern, um durchhalten zu können. Sie muss Mitarbeiter entlassen - "für einen linken Verlag ein Skandal". Doch sie kriegt die Kurve, es geht in kleinen Schritten aufwärts. Das Geld, das sie mit erfolgreichen Büchern verdiente, wurde sofort wieder investiert - in Buchläden. Heute sind es über 100 - von kleinen  Buchhandlungen bis zu Mega-Stores. Dort finden jedes Jahr bis zu 2 500 Veranstaltungen, Events, Vorträge und talkshows mit Autoren statt. Nur keine Lesungen: die finden die Italiener meistens zu langweilig.

Sie, die den Verlag nach dem Untertauchen ihre Mannes ohnehin schon managete, führte das Unternehmen aus der Krise. Sie brachte, wie es Fritz J. Raddatz formulierte, "ein zirzensisches Kunststück fertig:  aus einem gleichsam rotierenden literarischen Salon ein intellektuell anspruchsvolles, aber auch marktgerechtes Verlagsprogramm zu formen."

Sie selbst schilderte den Kurswechsel prosaischer: "Wir mussten uns und das Programm ändern, um mehr am Puls der Leser zu sein. Konkret hieß dies: nicht so viele politische Bücher zu verlegen, die kein Mensch kauft."

Als er achtzehn war, trat ihr Sohn Carlo in den Verlag ein, jetzt führt er die Geschäfte, ein brillanter Unternehmer, ruhig, zurückhaltend, sehr unmondän, wie die Mutter meint. "Mein Mann, mein Sohn, das sind seriöse Menschen. Ich bin die Frivole", meinte sie in einer Talkshow, wohl wissend, dass es dafür Beifall geben würde.

Und Inge, "La Inge", wie sie in Italien genannt wird, widmet sich wieder dem, was sie noch besser konnte als Managerin zu sein:

Kontakte knüpfen und ausbauen, und das ist für einen Verlag mindestens so wichtig wie das Papier, auf dem gedruckt wird.

Sie kannte sie alle, und mit viel Charme und Geduld hat sie alle bezirzst. Jene, die sie als Fotografin ablichtete oder als Journalistin interviewte, jene, mit denen ihr Ehemann die Revolution machen wollte, und jene, die ihre Bücher bei Feltrinelli verlegen wollten:

Hemingway, Fidel Castro, Pasolini, Visconti, Henry Miller, Simone de Beauvoir,  - und natürlich auch die deutschsprachigen Schriftsteller, die sie nach Italien brachte, Günter Grass, Max Frisch, Walser, Enzensberger, Hochhuth, Ingeborg Bachmann, Peter Weiss und Uwe Johnson, aber auch Robert Musil und Thomas Mann. Auch eine Botschafterin Deutschlands, die Botschafterin Deutschlands in Italien.

Eben eine Ikone, ein Magnet des 20. Jahrhunderts.  Manchmal wird sie etwas melancholisch, sehnt sich nach  glorreicheren Zeiten zurück: “Die Kraft der Literatur wird nur dann wirksam, wenn große Autoren die Menschen ins Mark treffen und sie aufrütteln. Die jungen Autoren heute sind sehr egomanisch und bewegen sich in ihrem Mikrokosmos. Ihre Bücher sind auswechselbar. Es fehlen Bücher, die die Generationen mitreißen.”

Und wenn sie beklagt, dass es heute keine großen Verlegerpersönlichkeiten mehr gibt, keine wie Ledig-Rowohlt, Alfred Knopf und Gaston Gallimard, die besessen waren von ihrer Arbeit und die ihre Autoren liebten, dann muss man ihr sagen: doch es gibt noch eine - Inge Feltrinelli.

Und man möchte ihr wünschen, dass ihr größter Wunsch als Verlegerin wahr wird, dass einer ihrer Autoren noch einmal den Nobelpreis erhält, damit sie nach Stockholm zur Verleihung eingeladen wird. Die letzte Mal war sie mit Nadine Gordimer da, 1991 im Winter.

Aber jetzt ist Inge Fertrinelli erst einmal selbst dran, mit der Preisverleihung. Glückwunsch.

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