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Preisträger : Inge Schönthal-Feltrinelli

 

 

Rede Dr. Frauke Gerlach

Rede zur Preisverleihung an Dr. Inge Schönthal-Feltrinelli am 26. Mai 2011

Dr. Frauke Gerlach , Vorsitzende der Medienkommission.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Gäste und Freunde der Médaille Charlemagne!

Die Karlsmedaille wird in diesem Jahr an die große europäische Verlegerpersönlichkeit Dr. Inge Schönthal-Feltrinelli verliehen.

Frau Schönthal-Feltrinelli ist eine Verlegerin von altem Schlag mit Haltung. Für sie ist das Buch ein „Lebenselixier“. Für sie ist es die „Vervielfachung des eigenen Lebens“. Politisches Verantwortungsbewusstsein, Kreativität, Weitsicht und Mutprägen ihr Wirken. Das geschriebene Wort, das immer noch als Buch daherkommt, ist für Schönthal-Feltrinelli kein simples Konsumgut. Vielmehr ist das Buch, ist die Literatur, für sie ein Medium, das für die Vermittlung kultureller Vielfalt, gesellschaftlicher wie politischer Meinungs- und Wertebildung von herausragender Bedeutung ist; gerade auch in Zeiten des Internets, der Globalisierung und der Staatsmänner, die jede gemeinwohlorientierte Verantwortung für ihr Staatswesen und unabhängige Medien ablehnen.

Durch ihre engagierte Arbeit hat die Preisträgerin den Verlag zu einer meinungsbildenden Instanz in Italien entwickelt und dies in einem Land, in dem weder beim Rundfunk noch bei den Verlagen Pluralität und Vielfalt existiert.

Der Feltrinelli Verlag ist einer, der ohne finanzielle Verflechtungen und Manager auskommt und zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg, Unabhängigkeit, Anspruch wie Unterhaltung nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen. Dieser Weg war und ist weder für den Verlag, noch für die Verlegerin Inge Schönthal-Feltrinelli leicht. In einer Zeit, als große Verlagshäuser verkauft oder durch Fremdbeteiligungen wirtschaftlich stabilisiert werden mussten, hat Frau Schönthal-Feltrinelli den Verlag neu ausgerichtet und umgebaut. Auch wenn dies alles andere als einfach war,- zumal als Frau -  und zu einer Zeit, als patriarchale Strukturen in Europa noch Hochkonjunktur hatten, hat sie ihre Stellung als Verlegerin erfolgreich genutzt, einen Verlag saniert, Themen gesetzt und sich um die Literatur sowie um das Lesen in Italien und Europa verdient gemacht.

Dies ist vorbildlich und verdient Respekt und Anerkennung. Eine freie, lebendige Literaturszene und unabhängige Verlagshäuser sind konstitutiv für das demokratische Europa. Wir begreifen die europäische Idee nicht allein durch unseren Verstand, vielmehr gilt es auch, die Herzen der Menschen zu berühren. Ganz im Sinne der Preisträgerin, die kürzlich in einem Interview bekräftigte, dass es Bücher braucht, die die Generationen mitreißen, oder um mit Hannah Arendt zu sprechen, ich zitierte:

„Um vernünftig reagieren zu können, muss man zunächst einmal ansprechbar sein, „bewegt“ werden können.“

Inge Schönthal-Feltrinelli hat ein Gespür dafür, was Menschen bewegt, dies zeigen auch ihre berührenden Bilder aus der Zeit, als sie noch als Fotografin arbeitete. Als Verlegerin suchte und sucht sie nach Literatur, die Menschen berührt, nach Autoren, die Menschen ins Mark treffen und sie aufrütteln. Das Verlagsprogramm und das große Netzwerk von Autoren, mit einer Bindung zu Feltrinelli zeigen, dass „La Inge“, wie sie respektvoll und zärtlich genannt wird, nicht nur Bücher verlegt, sondern ein „Menschenmagnet“ ist und eine Mission hat, nämlich, eine kritische und offene Literaturszene, die das wachsende Europa mehr denn je zur demokratischen und stabilen Weiterentwicklung benötigt. Hierzu gehört, dass der Verlag international aufgestellt ist und bekannten und weniger bekannten Autoren die Möglichkeit gibt, ihre Werke zu veröffentlichen, hierzu gehört auch, dass der Verlag gegenwärtig 103 Buchhandlungen in ganz Italien betreibt. Dieser weite Verlegerblick auf das Medium Buch und dass Bewusstsein, dass auch Sperriges, Politisches und Inhalte, die sich außerhalb des Mainstreams bewegen, veröffentlicht werden sollten, hat die kulturelle Entwicklung in Italien befruchtet und den Austausch der italienischen mit der gesamten europäischen Kultur gefördert. In der durch extreme Konzentration geprägten Medienlandschaft Italiens stellt der unabhängige Feltrinelli Verlag ein Bollwerk dar, der Vielfalt als zentrale Säule für eine funktionierende Demokratie anmahnt.

Dr. Inge Schönthal-Feltrinelli ist eine große europäische Persönlichkeit, die die Medienbranche – das Verlagswesen – weit über die Grenzen Italiens hinaus prägt und bereichert. Die Verlegerin leistet mit Ihrem Wirken einen wertvollen Beitrag zur europäischen Integration.

Es ist mir eine ganz besondere Ehre und Freude Dr. Inge Schönthal-Feltrinelli dafür heute im Namen des Kuratoriumsmit der Médaille Charlemagne auszeichnen zu dürfen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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